Mental Load ist nicht nur ein Organisationsproblem
Über Mental Load wurde in den letzten Jahren viel geschrieben. Es bezeichnet salopp gesagt das «Ständige-Dran-denken-müssen» und umfasst die Koordination und Organisation von Terminen, Haushalt, Freizeitaktivitäten, Ferien und Geburtstagen. Es ist die Nie-enden-wollende To-Do-Liste, mühselige Adminaufgaben, das Kaufen des Geburtstagsgeschenks und das Vereinbaren der Arzttermine für die ganze Familie.
Beim Lesen verschiedener Artikel über Mental Load fällt auf, dass Lösungen häufig im besseren Organisieren oder Delegieren von Aufgaben gesucht werden. Zwar erwähnen einige Artikel auch strukturelle Aspekte, viele Optimierungsvorschläge setzen aber erneut innerhalb der Familie an.
Man hört oft, dass besonders Frauen und Mütter «den Männern» halt sagen müssten, dass sie helfen müssten, weil sie es ja selbst nicht sehen würden, was konkret erledigt werden müsse. Diese Annahme greift die französische Comic-Zeichnerin Emma in ihrem 2017 viral gegangenen Comic «Fallait demander» (auf Deutsch: «Du hättest doch bloss fragen müssen[1]») ebenfalls auf.
In vielen Lifestyle-Texten wird auch davon gesprochen, regelmässig Ruhepausen einzuplanen, um sich vom permanenten Familienmanagement erholen zu können. Man soll Self-Care priorisieren und einen unperfekten Haushalt zelebrieren.
Was dabei auffällt, ist, dass diese wiederkehrenden Ratschläge darauf abzielen, Lösungen im individuellen Familienalltag zu suchen. Diese Lösungsansätze lassen ausser Acht, dass es auch Rahmenbedingungen gibt, die Familien nicht selbst bestimmen können.
Die Organisation der Familie muss mit Stundenplänen, Arbeitszeiten und Kitaöffnungszeiten abgeglichen werden.
Konkret heisst das: Die Möglichkeiten der Familienorganisation hängen von den vorhandenen äusseren Bedingungen ab. Aber was, wenn das Kind nur bis mittags Kindergarten hat, aber die Schicht bis abends geht? Toll, es gibt einen Hort, den das Kind nach dem Kindergarten besuchen kann. Nur ist der Hort im nächsten Dorf. Wie kommt das Kind nun zu diesem Hort, wenn für diesen Weg kein organisierter Transport zur Verfügung steht? Eltern organisieren sich untereinander, da die Fahrt zur schulexternen Betreuung nicht fertiggedacht wurde. Diese Absprachen verursachen zusätzliche Koordinationsarbeit mit anderen Elternteilen, die den Transport übernehmen, der Hortleitung sowie den Kindergartenlehrerpersonen. Es kommt also noch mehr Mental Load dazu. Die monatlichen Hortkosten für einen Nachmittag pro Woche belaufen sich in diesem Beispiel auf 30 % des Erwerbseinkommens. Ein erheblicher Teil des Lohnes fliesst in die Betreuung, die diese Arbeit möglich macht – ein längst bekanntes Dilemma in der Schweiz. Ausserdem ist es schwierig, ein mit dem Arbeitgeber besprochenes Pensum zu erreichen, wenn Hortöffnungszeiten nicht mit Arbeitszeiten passen.
Die finanzielle Belastung für Familien durch Fremdbetreuung ist nicht nur ein individuelles Problem. Im OECD-Bericht vom April 2026[2] stellt die Organisation fest, dass die Kosten für die Kinderbetreuung in der Schweiz weiterhin zu den höchsten der OECD-Länder gehören. Die hohen Kosten können insbesondere für Frauen den Anreiz verringern, einer Erwerbsarbeit nachzugehen oder ihr Pensum zu erhöhen. Betreuungskosten, Öffnungszeiten von Betreuungseinrichtungen sowie Transport zu den Betreuungsinstitutionen sind Faktoren, die eine Familie nicht selbst festlegen kann. Sie kann sich innerhalb dieser Begrenzungen organisieren. Deshalb sind die Ansätze, Mental Load zu bewältigen, indem man sich besser abspricht oder die Arbeit aufteilt, unzureichend.
Dazu passt, dass eine Mutter kürzlich erzählte, sie habe bei der Schule das fehlende Betreuungsangebot ausserhalb der Schulzeiten angesprochen. Die Schulleitung entgegnete darauf, es sei kein Bedarf vorhanden. Die Mutter meinte daraufhin, ja wenn ihr kein Angebot zur Verfügung stellt, wisst ihr auch nicht, ob tatsächlich kein Bedarf besteht. Wer den Comic von Emma kennt, weiss, dass dort der Mann zuschaut, während die Frau mehrere Dinge gleichzeitig jongliert. Als die Frau irgendwann wütend wird, sagt der Mann nur schulterzuckend: «Du hättest ja bloss fragen müssen.» Auch hier zeigt sich die Logik des «Du hättest ja bloss fragen müssen»: Wenn kein Bedarf geäussert wird, nimmt die Institution ihn nicht wahr. Wenn Familien fehlende Angebote privat abdecken, wird diese Improvisation von Institutionen nicht erkannt. Der tatsächliche Bedarf bleibt unsichtbar.
Das inzwischen inflationär gebrauchte Sprichwort, es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen, kommt wieder aufs Tapet. Doch wie soll es denn funktionieren, wenn jemand kein «Dorf» hat und öffentliche Betreuungsangebote fehlen? Nicht jeder hat noch Grosseltern, Freund:innen, Nachbarn oder flexible Arbeitgeber. Nicht jeder hat Menschen, die Fahrdienste übernehmen können oder finanzielle Möglichkeiten, sich externe Betreuung zu leisten. Doch auch wenn private Netzwerke funktionieren, sollten sie nicht fehlende Betreuungsangebote ersetzen müssen. Der strukturelle Mangel wird weniger sichtbar, weil private Lösungen funktionieren.
Mental Load besteht nicht nur aus interner Familienorganisation. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen bestimmen mit, wie viel zusätzliche Organisation notwendig ist. Vielleicht müssen sich Familien nicht noch besser organisieren, sondern wir müssen uns fragen, weshalb Familien überhaupt so viel organisieren müssen.
[1] https://mal-ehrlich.ch/du-haettest-doch-bloss-fragen-muessen/
[2] OECD (2026): Foundations for Growth and Competitiveness 2026, Kapitel «Switzerland», OECD Publishing, Paris, 9. April 2026.